
Weissinger entschuldigte sich für sein Team.
Es geht nur wenige Sekunden und das Fahrerfeld ist schon vorbei. Dann folgt hinter den Rennfahrern eine lange Autoschlange. Doch für was sind all diese Wagen da? verbrachte eine Etappe in einem Teamauto.
Pünktlich um 13.07 Uhr geht es in Bad Zurzach los. Ich sitze auf dem rechten Beifahrersitz des Teamwagens vom kleinen Team Vorarlberg-Corratec. Neben mir am Steuer Gregor Gut. Er ist ehemaliger Radprofi und sportlicher Leiter der österreichischen Mannschaft. Hinter mir hat mit Krzysztof Dabrowski der Mechaniker Platz genommen. Neben ihm liegen Ersatzlaufräder bereit.
Unser Auto hat die Nummer 19, d.h. wir sind der zweitletzte Wagen in der Kolonne. Gleich nach dem Start ist noch ein grosses Durcheinander, die Teamautos sind noch nicht in der richtigen Reihenfolge und bis dies soweit ist, dauert es ein Weilchen. Auch die Rennfahrer müssen sich „sortieren". Jeder will in die Fluchtgruppe. Es geht Schlag auf Schlag, Angriff folgt auf Angriff.
Alle Infos über Radiotour
Davon sehen wir jedoch nichts, wir sind zu weit hinten. Die Informationen erhalten wir über Radiotour, wo Sven Montgomery meldet, wenn es Angriffe und Defekte gibt oder wenn sich ein Rennfahrer verpflegen will. Gregor Gut kann mit seinem Team bisher zufrieden sein. In den beiden vorherigen Tagen fuhr jeweils ein Vorarlberg-Fahrer mehrere Stunden alleine an der Spitze. Das gibt für das Team und seine Sponsoren wichtige Fernsehpräsenz und die ist existenznotwendig.
Doch heute verpasst die Truppe die Gruppe des Tages. Der sportliche Leiter bedauert dies zwar, macht seinen Athleten aber keine Vorwürfe, da sie alles probiert haben. Mal fahren wir mit 80 durch die Dörfer, dann müssen wir wieder abrupt abbremsen. In Wangen bei Olten blitzt es plötzlich. „Klick, klick, klick,...", ein Blitzkasten schiesst Bilder von der Wagenkolonne. Wir lachen laut. Die Busse sollte zum Glück bei der Polizei bleiben.
Ein Sturz verursacht Hektik
Der deutsche René Weissinger lässt sich zum Auto zurück fallen. Er klagt: „Es war brutal schnell, bis die Gruppe sich absetzte. Wir hatten keine Chance", erläutert er seinem Chef, wieso sie es nicht geschafft haben, in der Spitzengruppe vertreten zu sein.
Plötzlich wird es hektisch. Radiotour vermeldet einen Sturz. Wir erblicken Silvère Ackermann, ein junger Jurassier, der neu im Team fährt. Er hatte zum dümmsten Moment eine Pinkelpause gemacht und durch den Sturz wurde das Feld in die Länge gezogen und Ackermann wurde zusätzlich von Teamwagen, die wegen den gestürzten Fahrern anhalten mussten, aufgehalten. Der Jungprofi meistert aber diese Situation und kehrt wieder in Feld zurück.
Gute Moral dank Toblerone
Nun wird die Nummer 196 aufgerufen, der Zürcher Pascal Hungerbühler. Wir fahren nach vorne, knapp hinter das grosse Feld. Hungerbühler klagt auch. Er möchte etwas „gutes" essen. Kein Riegel, kein Brötchen, kein Gel. Das schmeckt ihm alles nicht. Zum Glück habe ich heute im Hotel zwei kleine Toblerone eingepackt. Plötzlich strahlt der 32-jährige wieder und bedankt sich bei mir mehrere Male. So einfach ist es und die Moral ist schon wieder da.
Immer wieder regnet es ein bisschen. Dazu bläst ein kalter Wind. Weissinger kommt nochmals. Dem Deutschen ist kalt und er braucht seine Windweste. Kein Problem, denn jeder Fahrer hat einen Rucksack mitgegeben, mit Weste, Regenschutz, Ersatzschuhen, Käppchen und langen Handschuhen drin.
Im Rennen passiert wenig. Der Vorsprung der Flüchtlinge pendelt sich bei fünf Minuten ein. Als weitere Mannschaften dem Leaderteam helfen, scheint schon absehbar, dass das Feld geschlossen in die Schlusssteigung gehen wird.
Kämpfen bis zum Ende
Kurz bevor die Spitzengruppe eingeholt wird, ereignen sich mehrere kleine Stürze. Zum Glück ist kein eigener Fahrer betroffen. Nun fordert Gut seine Fahrer durch Funk, der die Fahrer mit dem sportlichen Leiter verbindet, auf, nochmals etwas zu probieren und einen Angriff zu wagen.
Die Kraft ist bei einigen aufgebraucht. Während Hungerbühler, Benetseder, Siedler und Weissinger zu Beginn der Schlusssteigung nach Vallorbe abgehängt werden, fassen sich Ackermann und Dietziker nochmals ein Herz und greifen an. Vergeblich, denn die grossen Teams sind zu stark und lassen die Aussenseiter nicht mehr gewähren.
„Gute Stimmung als Nährboden"
Gregor Gut ist realistisch genug und wird seinen Fahrern keine Standpauke am Abend halten. Aus eigener Erfahrung weiss er, dass die Rennfahrer ihr Bestes geben. „Ich bin dafür besorgt, mit einer guten Stimmung Nährboden für gute Leistungen zu schaffen", erklärt er mir seine Philosophie kurz vor Ende der Etappe.
Heute hat es nicht zu einem Exploit gereicht. Reto Hollenstein wird als Bester Vorarlberger auf Platz 63 klassiert. Das 7. Teilstück ist zu Ende, doch nach der Etappe ist vor der Etappe. Gut steigt aus und kümmert sich sofort um seine Fahrer. Sie müssen sich warm anziehen und auf direktem Weg ins Hotel. Morgen ist wieder ein Tag und bereits jetzt hofft man, dass dann der Schlachtplan aufgehen wird...
Von Christian Rocha