23.06.2008
Zülle: ''Schweizer Radprofis wie Fussballnati''

Zülle: ''Zwei spezielle Siege für Cancellara.''
Redaktion: Kreuziger ist mit 22 Jahren der jüngste Gesamtsieger in der Geschichte der Tour de Suisse. Ein absolutes Ausnahmetalent?
Zülle: Ja, das ist er wirklich. Er wurde dieses Jahr schon Zweiter an der Tour de Romandie. Aufgefallen ist er aber schon vor zwei Jahren in seiner ersten Rennsaison als Profi. Schon da hat er dominiert und ist mit den Besten mitgefahren. Vor allem hat er sich unter den aktiven Fahrern und Cracks als Bergfahrer hervorgehoben und so machte er sich von Anfang an einen Namen unter den Profis, weil sich alle fragten: Was ist das für einer, dieser Roman Kreuziger?
Er ist auf jeden Fall ein Wahlschweizer. Man kann also sagen, der Sieg ist ''Swiss made''?
Ja, tatsächlich. Er ist von der Tschechei gekommen und hat die Radschule bei einem Schweizer Team in der Schweiz absolviert.
Bis die Vorentscheidung des Gesamtsieges am Samstag nach dem Zeitfahren gefallen ist, sprachen alle, unter anderem auch Sie, von Kirchen als sicheren Favoriten. Wieso wurde er seinen Erwartungen nicht gerecht?
Er hat in der Presse vor dem Samstagsrennen selber zugegeben, dass er den hohen Druck, der auf ihm lastet abstreifen müsse. Im Unterbewusstsein war er blockiert. Er wusste bei seinem Start des Zeitfahrens alle Schlusszeiten seiner Gegner. Auch hat er während der Fahrt die Zwischenzeiten seiner Konkurrenten eingespielt bekommen, wenn du da auch nur ein paar Sekunden hinten liegst, steigt der Druck. So wurde er nervös und das hat ihn innerlich blockiert.
Mentales Versagen also?
Vielleicht hätte er sich im Rennen nach Verbier, das er gewonnen hat, besser ein bisschen zurücknehmen sollen. Ich meine, Kirchen ist in der Form seines Lebens! Und ich sag es immer wieder: Bei seiner Bergankunft in Verbier hat er gezeigt, dass er nicht nur einmal, sondern zweimal stärker ist als seine Mitstreiter. Er hat das Rennen in die Hand genommen. Mit seinem Rhythmus konnte er Klöden von der Spitze aus distanzieren. Das hat ihn zum hohen Favoriten gemacht. Er hat da brutal gearbeitet und hätte sich vielleicht da besser ein wenig zurückgenommen. Schon klar, im Nachhinein kann man ja immer mit wenn und aber argumentieren, aber von da an war er im Krafthaushalt mehr angeschlagen als die anderen Favoriten. Er hat nun wortwörtlich alles verloren. Andere vorne im Klassement haben noch einen, vielleicht auch zwei Plätze verloren, er aber ist ganz rausgeflogen.
Fabian Cancellara konnte die Schlussetappe mit dem Finale in Bern für sich entscheiden. Was bedeutet das für ihn?
Speziell für ihn ist vor allem die Tatsache, dass er die zwei Rennen gewinnen konnte, die ihr Ziel in seinem ''Heimatskanton'' Bern hatten. Das waren die 7. Etappe mit Zielort Lyss und die 9. Etappe mit Zielort Bern. So war diese Tour de Suisse für ihn vielleicht schöner und hat eine grössere Bedeutung für ihn als für andere Schweizer, aber für die Schweizer Fahrer allgemein ist die Tour als Heimrennen etwas besonderes. Es gibt einem die Möglichkeit, sich im eigenen Land zu zeigen. Am Start und Ziel die vielen Leute und die Fans. Das ist schön. Von dem lebt der Radsport, ohne die geht es nicht!
Von den Schweizern sticht mit dem zweiten Rang in der Bergwertung und dem dritten Platz im Sprintklassement auch Loosli hervor.
Ja, er hat sich in Szene setzen können. Ich habe mit Loosli an der Pressekonferenz vor der Tour de Suisse reden können. Im Februar war er mit einem italienischen Team in Verhandlungen, hatte aber noch keinen Vertrag in der Hand. Er fiel zwischen Bank und Stuhl. Er wusste nicht, was mit ihm passieren würde. In dieser Zeit hat er zwar schon trainiert, nicht aber so hart wie die anderen Fahrer. Am Saisonstart hatte er deswegen brutal Mühe und am Giro musste er unten durch, weil er Trainingsmangel und zu wenig Rennpraxis hatte. An der Tour de Suisse hat er von dieser Situation aber profitiert, weil er gut trainiert hat und die anderen Fahrer mehr angeschlagen waren.
Zu den anderen Fahrern gehören auch die Schweizer. Wie fällt Ihr Fazit über sie aus?
Bei einem Elmiger oder Albasini hätte ich auch auf einen Etappensieg getippt. Einen solchen konnten aber beide nicht erringen. Zaugg war nah an einem Podiumsplatz. Sie sind alle jung, von ihnen werden wir in Zukunft noch viel hören.
Die Schweizer Radprofis waren an der Tour de Suisse wie die Schweizer Nati an der Euro: Viel Arbeit, wenig Ertrag.
Das stimmt, ein guter Vergleich. Die Fahrer haben viel gearbeitet und viel gezeigt. Was schön ist, aber von aussen halt weniger wahr genommen wird, ist die Tatsache, dass sie viele Prämien für ihre Teams einholen konnten. Im Sport zählt aber letztendlich nur das Resultat. Sport ist hart. Die Fahrer wissen das aber selber. Was zählt, ist das Podium, ist der Sieg. Ich glaube, das trifft es sehr genau: Grosser Aufwand, kleiner Ertrag. Cancellara hat für alle andern Schweizer diesen kleinen Ertrag gerettet. Ein weiterer Beweis, dass er zur Zeit der stärkste Schweizer Radprofi ist!
von Oliver Spieser